Presse

„Stadt der Sterblichen” 2019

Interview mit Frank Pasic


Du bist Geschäftsführer des Flamariums, einer ganzheitlichen Feuerbestattungseinrichtung in Halle mit Friedhofscafé und Friedgarten, in der moderne Bestattungskultur gelebt wird.

Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?

Frank Pasic: Mein Arbeitsalltag unterscheidet sich nicht großartig von dem anderer Leute: Ich gehe morgens in mein Büro und abends wieder nach Hause, dazwischen telefoniere ich und beantworte E-Mails. In diesen Telefonaten und E-Mails geht es zumeist um den Tod. Wir sind Dienstleister für Bestattungsinstitute, d. h. wir helfen dem Bestatter dabei, einen Verstorbenen der Feuerbestattung zuzuführen. In 99% der Fälle haben meine 26 Mitarbeiter alles im Griff. Ich komme nur dann ins Spiel, wenn etwas außerhalb der Norm läuft – wenn z. B. nicht ganz klar ist, ob ein besonderer Wunsch des Bestatters/des Angehörigen mit den gesetzlichen Vorgaben vereinbar ist. Dann gilt es, eine für alle Seiten vernünftige Lösung zu finden.


Was bedeutet „moderne Bestattungskultur”?

Frank Pasic: Die Bestattungskultur ist immer ein Spiegelbild der Gesellschaft – sie ändert sich, wenn unsere Gesellschaft sich verändert.
Ein Beispiel: Anfang der 2000er Jahre hat sich unsere Gesellschaft im Zuge der Hartz-Gesetzgebung grundlegend verändert; der Begriff „Hartz 4” steht seitdem für Armut. Im Zuge dieser Gesetzgebung wurde 2004 aber auch das sog. Sterbegeld gestrichen. Bis dahin gab es nämlich bei jedem Todesfall für die Angehörigen einen staatlichen Zuschuss von zuletzt 500,00 € (vorher war es deutlich mehr). Damit wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der bei vielen Menschen tatsächlich zu einer Art Entsorgungsmentalität geführt hat: Eine Bestattung muss hauptsächlich billig sein.
Aber es gibt auch eine andere Entwicklung: Wie es in unserer Gesellschaft einen Trend zu immer mehr Individualismus bis hin zum Hedonismus gibt, möchten viele Menschen nach dem eigenen Tod oder dem Tod eines geliebten Menschen noch mal ein Zeichen setzen. Das kann die Bestattung im Wald sein oder der Diamant, der aus der Asche des Verstorbenen gepresst wird. Oder die Angehörigen und Freunde machen aus der Abschiedsfeier eine große Party.


Welche Werte vertretet ihr mit eurer Arbeit und in welcher Tradition der Feuerbestattungskultur führt ihr euer Flamarium?

Frank Pasic: Wir vertreten die Auffassung, dass bei einer Bestattung alles möglich sein muss, was den Angehörigen hilft und nicht gegen grundlegende Gesetze verstößt.
Oftmals halten die Bestattungsgesetze der Länder – es gibt also 16 Bestattungsgesetze in Deutschland – nicht mit den tatsächlichen Entwicklungen Schritt. Hier müssen wir gemeinsam mit den Bestattern Lösungen entwickeln.
Unser Unternehmen, die Flamarium Saalkreis GmbH & Co. KG, ist aus einem Feuerbestattungsverein hervorgegangen. Solche Vereine gab es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr viele in Deutschland. Sie haben sich zunächst dafür eingesetzt, die Feuerbestattung gegen den Widerstand der katholischen Kirche in Deutschland durchzusetzen. Später, in Zeiten wirtschaftlicher Not, entwickelten sie sich zu Solidargemeinschaften; beim Tod eines Mitgliedes sorgten die anderen Vereinsmitglieder für dessen würdevolle Feuerbestattung, ohne dass den Angehörigen Kosten entstanden. Der letzte Feuerbestattungsverein wurde 1934 in Halle (Saale) von den Nazis zerschlagen.


Ihr habt die FUNUS Stiftung ins Leben gerufen, die die Bestattung als Kernelement der Menschenwürde fördert und ihre Bedeutung stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Dabei fördert ihr künstlerische, kulturelle und soziale Projekte, die sich mit dem Tod und der Bestattung auseinandersetzen.

Welche Philosophie steckt dahinter und warum ist es euch persönlich ein Anliegen, Tod und Sterben den Menschen näher zu bringen?

Frank Pasic: Wir vertreten die Auffassung, dass die Bestattung in erster Linie ein kultureller Akt ist. Es käme daher unserer Gesellschaft zugute, wenn wir ihr eine größere Bedeutung beimessen würden, als lediglich einen Leichnam „unter die Erde zu bringen.”
Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch, dass es jedem einzelene unheimlich gut tun kann, wenn er sich bei Bestattung eines geliebten Menschen einbringt – sei es bei der Versorgung des toten Körpers, bei der Gestaltung der Trauerfeier oder beim Tragen des Sarges; da gibt es viele Möglichkeiten – das wollen wir den Leuten mitteilen.


Warum ist es deines Erachtens notwendig, dass sich jeder mit dem Leben, Sterben und Tod auseinandersetzt?

Frank Pasic: Ich möchte es mal mit einem guten Buch oder einem guten Film vergleichen: Das Besondere an einem solchen Werk ist es doch, dass es endet. Wenn man das Buch durchgelesen oder den Film zu Ende geschaut hat, ist man vielleicht traurig, dass es zu Ende ist, aber in erster Linie ist man doch glücklich darüber, dieses genossen zu haben. Und so sollte es doch auch mit dem Leben sein: Ich weiß, dass es irgendwann zu Ende geht, aber bis dahin möchte ich es genießen. Ich fürchte ganz einfach, dass sich Menschen, die sich dieses Themas verweigern, auch das Leben nicht genießen können.


Was bedeutet für dich Endlichkeitskultur?

Frank Pasic: Ich verweise auf oben: Endlichkeitskultur ist für mich das Wissen um die eigene Endlichkeit und daraus resultierend der Wunsch, aus dieser Endlichkeit das beste zu machen.


Die FUNUS Stiftung initiiert ebenso eigene Veranstaltungen und Publikationen, wie bspw. euer jährlich stattfindendes Symposium, den Death Slam – also ein Poetry Slam mit Thematiken rund um Endlichkeitskultur, der jährlich in verschiedenen Städten stattfindet –, und das Magazin für Endlichkeitskultur „drunter & drüber”.

Wie gestalten sich eure Symposien und welche Inhalte stehen im Mittelpunkt?

Frank Pasic: Das Symposium ist eine Fachveranstaltung und richtet sich deshalb an Leute, die sich bereits in irgendeiner Form mit der Thematik Tod/Sterben auseinandergesetzt haben. Das können sowohl „Praktiker” sein – Bestatter, Krematoriumsbetreiber, Friedhofsleiter, Hospizmitarbeiter, Palliativpfleger etc. – als auch „Theoretiker” – Juristen, Philosophen, Soziologen, Künstler –. Ziel ist es, verschiedene Fachthemen aufzugreifen, eine Diskussion zu entwickeln und ggf. Verbesserungen und Fortschritte zu erzielen.


Bisher sind 6 Ausgaben eurer „Drunter & Drüber” erschienen.

Welche Idee steckt dahinter, ein derartiges Magazin herauszubringen, und mit welchen Themen beschäftigt ihr euch darin?

Frank Pasic: Im Gegensatz zum Symposium versuchen wir mit der Drunter & Drüber gerade Leute anzusprechen, die nicht tagtäglich mit dem Tod zu tun haben. Wir wollen gerade solche Leute, die ich oben beschrieben habe, dazu bringen, sich dem Thema zu nähern. Das geht am besten, wenn man zunächst eine Optik schafft, die neugierig macht – deshalb legen wir großen Wert auf die graphische Gestaltung. Wenn jemand das Magazin in den Händen hält, müssen ihn die Inhalte fesseln; deshalb müssen sie gut geschrieben, unterhaltsam und immer informativ sein. Beim Symposium können wir ein gewisses Fachwissen voraussetzen, beim Magazin nicht.
Der Tod ist so vielfältig wie das Leben, das sieht man auch den Themen, die wir bisher behandelt haben: Das geht von der Organspende, über Nahtoderfahrungen, den Tod im Fussball bis hin zu künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Tod.


2017 habt ihr erstmalig die „Stadt der Sterblichen” – die Kulturwochen, in denen die Endlichkeit im Vordergrund steht – in Halle organisiert und im September 2019 veranstaltet ihr diese 3 Wochen lang und an 4 Wochenenden in Leipzig.

Was genau kann man sich unter der „Stadt der Sterblichen” vorstellen?

Frank Pasic: Die SdS ist für mich die logische Fortführung der Drunter & Drüber: Wir begnügen uns nicht mehr damit, die kulturelle Auseinadersetzung mit dem Thema Tod in einem Magazin zu führen, sondern wir gehen damit in die Städte, auf die Straßen. Jede Stadt ist eine Stadt der Sterblichen; das mag viele Menschen schmerzen, aber es ist eine Tatsache. Wie bei der Drunter & Drüber wollen wir die Menschen neugierig machen, eine Ausstellung, eine Lesung oder eine Filmvorführung zum Thema Tod zu besuchen und bestenfalls einen Denkprozess in Gang zu setzen.


Wie gestalteten sich eure Endlichkeits-Kulturwochen 2017 in Halle?

Frank Pasic: Die SdS 2017 in Halle war ein Experiment. Eigentlich wollten wir nur eine Ausstellung im KunstForum durchführen, aber dann kamen immer mehr Ideen und Interessierte dazu, dass es am Ende über 40 Veranstaltungen über einen Zeitraum von 6 Wochen waren. Der Aufwand für uns war enorm, aber die positiven Rückmeldungen haben uns dazu bewogen, das Konzept weiter zu verfolgen.


Welche Programmpunkte erwarten die Besucher 2019 in Leipzig und welche Themengebiete stehen im Fokus?

Frank Pasic: Ohne zu viel zu verraten: Es wird eine Ausstellung geben, die sich dem Umgang mit dem Tod in der Rock- und Popmusik widmet. Darüber hinaus wird es weiter Austellungen, Lesungen und Filmvorführungen geben.
Wichtig ist uns aber, auch Themen zu finden, die speziell den Tod in Leipzig behandeln. So wird es eine Veranstaltung zu den "Toten der DDR-Diktatur" geben oder zu den "Toten der Paulinerkirche". Weiterhin werden wir Führungen über die Leipziger Friedhöfe und eine morbide Stadtführung anbieten.


Mit welchen Partner*innen arbeitet ihr zusammen?

Frank Pasic: Wichtig für uns als eine Stiftung aus Halle (Saale) ist, Partner zu finden, die in Leipzig über Netzwerke verfügen. Ich nenne diese Partner gerne meine „Leuchttürme”, die für mich das ganze Stadtgebiet ausstrahlen.

Meine Leuchttürme sind:
Pia Elfert, Kirchenvorstand der Christuskirchgemeinde Leipzig-Eutritzsch,
Hedwig und Udo Portner, Ananke Bestattungen und
Sandra Strauß & Schwarwel von Glücklichen Montag


Was wünschst du dir persönlich für die „Stadt der Sterblichen” im Jahr 2019 in Leipzig?

Frank Pasic: Ich wünsche mir unterhaltsame Veranstaltungen mit spannenden Diskussionen, an deren Ende nach 3 Wochen vielen Leipziger sagen werden (frei nach den Peanuts): " Ja, eines Tages werde ich sterben - aber an allen anderen Tagen werde ich leben - also mache ich das beste draus."


Ganz lieben Dank für das Interview


Das Interview führte Sandra Strauß