INTERVIEW MIT SELINA SCHREIBER

Gemeinsam mit Hedwig Portner von Ananke Bestattungen und der Fotografin Karoline Keybe organisiere ich einen Fotowettbewerb.

sds19: Möchten Sie unseren Leser*innen kurz von Ihrer Arbeit, Ihrem Leben und Ihrer Lebensphilosophie erzählen.

Ich bin seit November letzten Jahres im Hospiz Villa Auguste für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising zuständig. Kennengelernt habe ich die Einrichtung aber bereits 2016 als Studentin bei einem Praxisprojekt der Universität Leipzig. Dadurch habe ich mich zum ersten Mal ganz bewusst mit dem Thema Tod, Sterben und vor allem der Hospizidee auseinandergesetzt.
Das Hospiz Villa Auguste ermöglicht Schwerstkranken und Sterbenden die letzten Tage ihres Lebens in Würde zu verbringen, sei es zuhause, im Pflegeheim oder im stationären Hospiz. Mir ist es wichtig, in meiner Arbeit einen tieferen Sinn zu erkennen. Durch meine Tätigkeit im Hospiz ist mir genau das möglich.
 
sds19: In welcher Art gestalten Sie die „Stadt der Sterblichen” im Sep 2019 in Leipzig mit?

Gemeinsam mit Hedwig Portner von Ananke Bestattungen und der Fotografin Karoline Keybe organisiere ich einen Fotowettbewerb. Damit wollen wir jedem (egal ob Hobby-, Amateur- oder Profifotograf) die Möglichkeit geben, sich kreativ mit den Themen Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Ein spannendes Projekt bei dem jede/r Einzelne seine ganz eigene Perspektive zeigen kann, denn die besten Fotos werden während der Stadt der Sterblichen ausgestellt.

sds19: Wie und in welcher Weise beschäftigen Sie sich mit dem Tod?

Durch meine Arbeit im Hospiz ist das Sterben ein Thema, das täglich präsent ist. Darüber zu sprechen, besonders mit Kolleginnen und Kollegen, die mit Schwerstkranken und Sterbenden arbeiten, baut Berührungsängste ab und zeigt wie viele Facetten die letzte Lebensphase haben kann.

sds19: Was bedeutet für Sie Endlichkeitskultur?

Es bedeutet Vergänglichkeit, Sterben und Tod nicht zu verdrängen, sondern als Thema in die Gesellschaft zu tragen. Denn viele Menschen denken nicht über das Sterben nach, bis sie selbst direkt betroffen sind.

sds19: Warum ist es Ihres Erachtens notwendig, dass sich jeder mit dem Leben, Sterben und Tod auseinandersetzt?

Es kann viel Gutes haben sich damit auseinanderzusetzen. Es schärft den Blick fürs Wesentliche, relativiert vieles und lehrt das Leben mehr zu schätzen. Aber natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, inwiefern er sich mit der Thematik beschäftigen möchte.

sds19: Was kann man Ihrer Meinung nach aktiv tun, damit diese Themen stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit treten?

Die Aktionswochen „Stadt der Sterblichen“ sind ein ganz gutes Beispiel: Es gibt viele Möglichkeiten diese Themen sichtbar zu machen. Oft geht es darum die anfängliche Angst vor dem Thema abzubauen, indem man darüber spricht und einen kreativen Zugang findet.

sds19: Warum ist es wichtig, den Menschen Tod, Sterben und die eigene Endlichkeit näher zu bringen?

Das Sterben gehört zum Leben dazu. Jeder, der sich damit auseinandersetzen möchte, sollte durch verschiedene Angebote die Möglichkeit dazu haben.

sds19: Haben Sie Empfehlungen, wie man den einzelnen Individuen in unserer Gesellschaft den Umgang mit Trauer, Verlust, Leid, Angst und Schmerz erleichtern kann, um damit einen besseren Umgang pflegen zu können?

Empfehlungen zu geben ist schwer, denn jeder Mensch hat dahingehend andere Bedürfnisse. Man sollte Betroffenen nicht vorschreiben, wie sie mit Trauer und Verlust umgehen sollen, sondern ihnen Raum geben einen eigenen Weg zu finden. Für den einen kann es das Gespräch sein, für den anderen das Alleinsein.

sds19: Wie können Kunst, Kultur und Bildung ihren Beitrag leisten?

Kunst und Kultur bieten tolle Möglichkeiten Leben und Sterben als Thema in den öffentlichen Raum zu tragen und viele Menschen damit zu erreichen. Das sollten wir nutzen!

sds19: Möchten Sie uns Bücher, Filme und/oder Musik zum Thema Leben, Sterben und Tod empfehlen?

Das Bundesfamilienministerium hat vor kurzem ein Magazin zu Hospizarbeit und Palliativversorgung veröffentlicht, das online unter bmfsfj.de/letzte-wege verfügbar ist. Es zeigt verschiedene Perspektiven auf die Thematik und enthält auch eine Reportage über das Hospiz Villa August in Leipzig.
Einen tollen Einblick in die Hospizarbeit gibt außerdem die 37 Grad-Dokumentation „Der Geschmack vom Leben“. Sie ist in der ZDF-Mediathek abrufbar und begleitet drei Hospizmitarbeiterinnen über ein halbes Jahr hinweg in ihrem Alltag.

sds19: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft? Was wünschen Sie sich für ein besseres menschliches Miteinander?

Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig mit mehr Respekt, Akzeptanz und Empathie begegnen.

sds19: Was bedeuten für Sie Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Diese drei Konzepte sind für das menschliche Miteinander unglaublich wichtig. Wir müssen weiter daran arbeiten, sie auch wirklich umzusetzen.

sds19: Welches ist Ihr Lieblingszitat zum Thema Leben, Schmerz und Tod?

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Cicely Saunders (Begründerin der modernen Hospizbewegung)

sds19: Zum Schluss möchten wir Sie noch bitten, folgende drei Sätze mit Ihren Worten zu ergänzen:

1. Eines Tages werde ich sterben, daran führt kein Weg vorbei.
2. Unsterblichkeit wäre eine schlechte Idee.
3. Das Leben ist voller Überraschungen.