INTERVIEW MIT HEDWIG PORTNER

„Sterben, Tod und Trauer müssten ein fester Bestandteil unseres Bildungssystems sein.”

Interview mit Hedwig Portner

sds19: In welcher Art gestaltest du Stadt der Sterblichen mit?

Es wird einen Kindertag zum Thema Tod, Sterben und Abschied geben. Diesen organisiere ich in Zusammenarbeit mit dem Kinderhospiz Bärenherz, Wolfsträne e. V, dem Bundesverband für verwaiste Eltern sowie dem Hospizium Leipzig.
Des Weiteren planen wir einen Fotowettbewerb zum Thema Trauermauern in Leipzig.
Es wird eine Veranstaltung mit Chris Paul, einer sehr bekannten Trauerbegleiterin mit eigenem Trauerinstitut in Bonn, in der Kulturfabrik Werk 2 geben.
Die Organisation der Podiumsdiskussion zum Thema „Umgang mit Tod und Bestattung in den verschiedenen Religionen“ unterstütze ich.
Mit den Academixern konnte ich ihm Rahmen von Stadt der Sterblichen absprechen, dass ein passendes Stück zu unserem Thema gespielt wird. Andere Ideen reifen noch im Hintergrund und sind noch nicht ganz sicher, mal sehen was ich noch bewegen kann.

sds19: Wie und in welcher Weise beschäftigst Du dich mit dem Tod?

Als Geschäftsführerin eines Bestattungsunternehmens und als Trauertherapeutin beschäftige ich mich beruflich seit über 20 Jahren fast täglich mit dem Tod.

sds19: Was bedeutet für dich Endlichkeitskultur?

Für mich spielt der bewusste Abschied vom Verstorbenen eine sehr große Rolle. Ein guter Umgang mit dem Körper des Toten empfinde ich als wichtigen Bestandteil. Leider ist das Wissen, wie man den Leichnam wäscht und ankleidet, in der breiten Bevölkerung verloren gegangen.  
Den Tod und die Toten nicht aus dem Leben drängen, sondern sich ganz bewusst mit ihm auseinandersetzen.
Trauerfeiern gestalten, die lebendig sind und die Persönlichkeit des Verstorbenen wiederspiegeln. Trauerfeiern gestalten, in denen Angehörige ihre eigenen Rituale und ihre eigene Form des Abschieds leben können. Ohne Konventionen und vor allem unter weniger Zeitdruck.

sds19: Warum ist es deines Erachtens notwendig, dass sich jeder mit dem Leben, Sterben und Tod auseinandersetzt?

Uns fehlt im Alltag ganz viel Wissen zum Thema Tod und Sterben. Erst in Akutsituation setzen sich die meisten Menschen damit auseinander. Jedoch ist es in der Ausnahmesituation schwieriger Informationen aufzunehmen und (wichtige) Entscheidungen bewusst zu treffen. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich zu oft Menschen erlebt, die Entscheidungen in der Phase  des Sterbens und unmittelbar nach dem Tod eines geliebten Menschen getroffen haben, die schwer oder gar nicht rückgängig gemacht werden konnten. Vieles lässt sich über Patientenverfügungen, Bestattungsvorsorgeverträge und das Testament regeln.

sds19: Was kann man deiner Meinung nach aktiv tun, damit diese Themen stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit treten?

Sterben, Tod und Trauer müssten ein fester Bestandteil unseres Bildungssystems sein. Das Hospizium Leipzig zeigt mit seinem Projekt „Hospizium bildet Kinder – Juna und Norwin reisen durch das Leben“ ganz vorbildlich, wie man bereits im Kindergarten achtsam und spielerisch, unvoreingenommen aufklären kann. Davon brauchen wir mehr.

sds19: Hast du Empfehlungen, wie man den einzelnen Individuen in unserer Gesellschaft den Umgang mit Trauer, Verlust, Leid, Angst und Schmerz erleichtern kann, um damit einen besseren Umgang pflegen zu können?

Ich glaube, wir sind ständig auf der Suche nach Erleichterung und verfolgen die Idee, wenn wir diese gefunden haben, könnten wir besser mit Verlusten, Ängsten und vermeintlich schlechten Gefühlen umgehen.
Wir brauchen eher ein Umdenken und eine natürliche Akzeptanz, dass all diese Gefühle für die Wahrnehmung der Situation unglaublich wichtig und auch normal sind. Gefühle (und zwar alle) haben eine Funktion. Wenn sie auftreten, haben sie einen Sinn.
Diese unsere Gesellschaft sollte lernen, die schmerzlichen Gefühle, die im Zusammenhang mit dem Tod stehen, zuzulassen und zu durchleben, anzunehmen. Wir müssen aufhören, uns für unsere Gefühle zu schämen und zu rechtfertigen. Trauer zu zeigen und zu leben. Dann erst kann es wieder leichter werden.

sds19: Magst du uns Bücher, Filme oder Musik zum Thema Leben, Sterben und Tod empfehlen?

Sehr zu empfehlen sind alle Bücher von Chris Paul. Sie sind gut zu lesen und können im Umgang mit Trauernden sowie im Umgang mit der eigenen Trauer unterstützen, „Wie kann ich mit meiner Trauer leben?“
„Wir leben mit deiner Trauer.“ (Chris Paul)

„Vom Atmen unter Wasser“ ist ein deutscher Film, der nach dem Tod der Tochter zeigt, welche Dramen sich in Familien nach solchen Schicksalsschlägen abspielen. In dem Buch „Sich einlassen und loslassen“ von Verena Kast, beschreibt sie, mit welchen Möglichkeiten sich Trauernde aus der „Opferrolle“ entziehen können. „Ente, Tod und Tulpe“, „Abschied von Opa Elefant“ sind ganz tolle Kinderbücher, die auch gerne empfehle.

sds19: Was wünscht du dir für ein besseres Miteinander?

Wir sollten die Grenzen anderer achten, ohne unsere eigenen zu ignorieren.
Es wäre einen Versuch wert, Mitgefühl nicht nur uns selber entgegenzubringen, sondern auch unseren Mitmenschen gegenüber.
Wertschätzung ist für mich ein großes Thema, ich sehe den Verlust in der Gesellschaft und bin tatsächlich traurig darüber.

sds19: Was bedeutet für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Liebe Sandra, diese meine Antwort wäre zu viel von mir, darum lass ich die Frage unbeantwortet.

sds19: Welches ist dein Lieblingszitat zum Thema Leben, Schmerz und Tod?

Es ist ein ziemlich langer Text aus der Bibel, dem 1. Buch Samuel 3,5.

Einen kleinen Auszug daraus würde ich kurz aufführen.

„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
Töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit.
Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit…..

sds19: Zum Schluss möchten wir dich noch bitten, folgende 3 Sätze mit deinen eigenen Worten zu ergänzen:

1. Eines Tages werde ich sterben, bis dahin werde ich lieben, trauern, weinen, lachen, hassen, suchen, verlieren ...
2. Unsterblichkeit wäre undenkbar.
3. Das Leben ist, das was man daraus macht.