BOTSCHAFTERIN

Die Laufmaschen unseres Lebens

Als blinde Frau werde ich oft gefragt, wie ich mit dem inneren Dunkel umgehe. Nun, mit etwas umzugehen, heißt für mich in erster Linie, es nicht zu umgehen. Ich suche also bewusst nach den inneren Lichtschaltern, wenn es mir mal zu dunkel wird. Wir alle, egal ob wir im ganz wörtlichen oder im übertragenen Sinne im Dunkeln stehen, kennen Phasen, in denen wir die Farben unseres Lebens nicht mehr leuchten sehen, in denen unser Spiegelbild verschwimmt und wir das Buch unserer Identität neu schreiben müssen.

Verlust, Trauer, Veränderung – das sind Themen, an denen ich nicht nur mit Erblindenden Menschen arbeite, sondern auch mit Menschen, die ihren Blickwinkel, ihre Sichtweise verändern müssen, um sich nicht im Nebel der Verzweiflung zu verlieren. Blind zu sein ist nicht furchtbar, es ist nur furchtbar, Blindheit nicht ertragen zu können. Ähnlich verhält es sich mit Schmerz, Trauer und Depression. Deshalb möchte ich Menschen ermuntern, ihre Seelenzustände besser verstehen zu lernen. Wir durchlaufen bei lebensverändernden Einschnitten Phasen, die in verschiedenen Modellen beschrieben werden. Darin finden wir den Schock, die Verleugnung, das Aufbrechen der Gefühle, die aktive Trauer, das „Erbe“, was wir mitnehmen, die Suche nach dem neuen Sinn und letztlich ein wieder erfülltes Leben.

Diese Phasen müssen nicht immer linear verlaufen, wir können in einem Zustand steckenbleiben oder in eine frühere Phase zurückfallen. Entscheidend ist, dass wir diese Verläufe verstehen, um uns selbst besser zu verstehen. Am Ende des Tunnels, und das sage ich bewusst als blinde, sehen wir wieder das Licht und die Farben unserer Lebensfreude kehren zurück. Unsere Gesellschaft hat leider wenige Rituale zur Trauerbewältigung oder zur individuellen Auseinandersetzung mit Verlust etabliert. Diese sind aber zur Verarbeitung von Tod, Trauer und Verlust überlebenswichtig. Auch wird die Angst vor dem Schrecklichen kleiner, wenn man es entmystifiziert.

Ich möchte mit meiner Aufklärungsarbeit sichtbar machen, dass wir lebensverändernden Einschnitten nicht hilflos ausgeliefert sind. Man hat nur vergessen, ihnen einen Sitzplatz und ein Gespräch anzubieten, denn der allgegenwärtige Optimierungswahn ist eine Krankheit, die keine Krankheit zulässt. Ich möchte sie zulassen, unsere Verletzungen und unsere Verletzlichkeit, die ich liebevoll die Laufmaschen unseres Lebens nenne. Als SdS-Botschafterin möchte ich authentisch mit dem „inneren Dunkel“ umgehen, welches jeder von uns in eigenen Tönen erlebt. Ich möchte dazu ermutigen, gemeinsam die schwarzen Wolken durch Begegnung, Dialog, Kunst und Kultur aufzureißen. Der Schlüssel liegt in jedem von uns, wir müssen nur für uns herausfinden, wie wir ihn benutzen können. Auch Gedankengänge sind Gänge, die erst dann zu neuen Erkenntnistüren führen, wenn wir uns trauen, sie zu betreten. „Die Stadt der Sterblichen“ zeigt auf lebendige Weise, dass wir nicht passiv leiden müssen, sondern aktiv gestalten können.

Ihre/eure Jennifer Sonntag

Mit all meinen Sinnen hungrig auf Leben …

Biografie

Jennifer Sonntag bezeichnet sich gern selbst als Patchworkdecke, zusammengenäht aus Fernsehmoderatorin, Buchautorin, Inklusionsbotschafterin und Sozialpädagogin. Aus Sicht einer blinden Frau interviewt sie für das MDR-Magazin „Selbstbestimmt!“ innerhalb  ihrer SonntagsFragen prominente Gesprächsgäste und schaut mit ihnen in unsichtbare Spiegel.  In ihren Büchern stellt sie sich intensiv den Themen Verlust, Trauer und Neuorientierung. Auch als Peer Beraterin (Betroffene beraten Betroffene) motiviert sie zur Entdeckung der eigenen „inneren Lichtschalter“.